[Seite 1]
Anhang C zu den Teilnahmebedingungen: Arbeitsprobe 2 „Lektorat
und Teaser“
Betriebsübernahme im Familienbetrieb
Im Sommer 2026 hat Landwirtschaftsmeisterin Christiane Müller den Wittumshof von ihren Eltern übernommen. Der Betrieb bewirtschaftet 120 Hekar in Mittelfranken in Bayern und hat Milchvieh. Mit gerade 30 Jahren ist Christiane Müller die achte Betriebsleiter- Generation dieser Familie. Bereits vor vier Jahren hat sie begonnen Direktvermarktung von Rindfleisch als weiteren Betriebszweig auf dem Hof zu etablieren. Neben der weiblichen Nachzucht der 70 Milchkühe, sollte auch für männliche Kälber ein gutes Aufwachsen möglich werden. Die werden auf der Weide groß, ein örtlicher Schlachter holt sie ab, zerlegt sie und bereitet die Produkte für die Vermarktung vor. Was mit 10 Ochsen begonnen hat, ist inzwischen deutlich an Umfang gewachsen und hat eine Stammkundschaft angezogen, die zu schätzen weiß, wie die Tiere gehalten und behandelt werden. Der Kundenkontakt im Verkauf und bei Hoffesten zeigt ihr, wie groß der Informationsbedarf über Lebensmittel und die Produktionkette beim Verbraucher ist.
Haben Sie Geschwister und gab es Konkurrenz, bei der Entscheidung, wer den Hof übernimmt?
Wir sind drei Mädels. Ich bin die Jüngste. Für mich war immer klar, dass ich Landwirtschaft lerne, das haben meine Eltern auch nie in Frage gestellt. Unsere mittlere Schwester ist Industriekauffrau. Aber meine älteste Schwester hat ebenfalls Landwirtschaft gelernt und die Meisterausbildung gemacht. Wir hatten früher immer den Traum, dass wir den Betrieb zusammen weiter machen. Die Wunschvorstellung war: zwei Familien am Hof, man weitet ihn dementsprechend aus, ist flexibel, hat Urlaubszeiten, braucht kein Fremdpersonal und macht alles untereinander aus.
Das ist dann aber anders gekommen? Meine Schwester ist jetzt im Landwirtschaftsamt verbeamtet. Sie hat den Weg im Grunde für mich freigemacht. So eine Hofübergabe ist ja auch immer ein Prozess. Als meine Schwester und ihr Partner entscheiden mussten, wie es für sie weitergeht, war der Vater einfach noch zu jung. Es ist schwierig den Betrieb abzugeben, aber schon vor 60, wenn man noch gar nicht an Rente denkt? Natürlich kennen auch wir die klassischen Generationen-Konflikte. Familienbetrieb: man wohnt zusammen, man arbeitet zusammen und da gibt es eben Reibungspunkte. Es kann nützen, wenn man nicht im gleichen Haus wohnt.
[Seite 2]
Frauen als Betriebsleiterinnen in der Landwirtschaft sind noch immer in der Minderheit statt selbstverständlich. Wie war Ihr Weg dorthin?
Meine Eltern haben den Grundstein gelegt. Etwas nicht zu können, weil man ein Mädchen ist, das kannte ich von daheim gar nicht. Meinen ersten Kontakt mit Vorurteilen gegenüber Frauen in der Landwirtschaft, hatte ich erst in der Ausbildung. Im Berufsgrundschuljahr waren wir einmal in der Woche auf einem Praxisbetrieb: ich und vier Jungs. Rückwärts fahren mit einem Zweiachskipper zum Beispiel, das konnte ich mit 16 noch nicht. Die Jungs bekamen bei 30 Grad im Schatten einen Stuhl und ein kühles Getränk und ich bin zwei Stunden drangsaliert worden mit rückwärts um die Kurve fahren. Das Jahr war schlimm für mich. Wegen solcher Schikanen zweifelt an sich: Bin ich jetzt falsch in der Landwirtschaft? Mein Glück war mein erstes Fremdlehrjahr. Da habe ich auf einem Betrieb gewohnt auf dem es nie die Frage gab, ob etwas vielleicht zu schwer ist. Der Chef dort hat mich machen lassen und da habe ich gemerkt, ich bin da voll richtig. Das Geschlecht spielt ja heutzutage eigentlich keine Rolle, bei der Arbeit, es ist eine Frage von Know-how. Wir haben schon noch körperliche Arbeiten, aber eben auch Arbeitserleichterung durch Technik. Deswegen sehe ich überhaupt kein Hindernis, warum eine Frau das heutzutage nicht machen kann. Auch die Ausbildungszeit zur Landwirtschaftsmeisterin war richtig schön. Da waren wir zwei Mädels in der Klasse mit ungefähr 25 Jungs. Aber wir waren immer auf Augenhöhe und respektvoll miteinander.
Macht es im Arbeitsalltag jetzt einen Unterschied, dass Sie als Frau die Betriebsleitung haben?
Seitdem ich jetzt den Hof übernommen habe, muss ich mich tatsächlich wieder mehr beweisen. Ich habe vorher auch schon viel gemanagt und geregelt, für die Geschäftspartner hat sich mit der Hofübergabe eigentlich nur die Anschrift geändert und dass sie mit mir nun wirklich alle Gespräche führen müssen. Da gibt es schon Momente, wo ich mir denke: Junge, Du kannst das denken, aber Aussprechen mir gegenüber, tust Du das nicht. Zum Beispiel war eine unserer Maschinen kaputt. Ich habe die Werkstatt angerufen und weil die ja alle sehr ausgelastet sind, aufgezählt, was ich schon selbst probiert hatte. Wissen Sie was der Chef zu mir gesagt hat? „Man muss sich halt eingestehen, dass man als Frau dazu nicht geboren wurde, eine Pumpe zu zerlegen.“ Ich habe ihn gefragt, ob er Pumpen mit dem Penis repariert und darauf hingewiesen, dass er jetzt zwei Möglichkeiten hat: Entweder du schickst einen vorbei oder das war's mit dem Umsatz, den Du im Jahr mit uns machst. Das Schönste war, dass der Arbeiter dann drei Stunden hier war und das Problem auch nicht lösen konnte. Letzte Woche habe ich eine Strohlieferung gekriegt, weil die Ernte bei uns heuer relativ schlecht war. Es kamen drei LKW und die habe ich ruckizucki abgeladen, denn ich bin Meister im Stroh stapeln. Da wird dann gesagt: ja Wahnsinn, wie du das machst als Frau. Warum muss man es immer kommentieren? Lasst mich einfach machen.
[Seite 3]
Hatten Sie weibliche Vorbilder?
Meine Mutter ist schon ein sehr starkes Vorbild für mich. Drei Kinder und sie war dennoch jeden Tag am Bau, wie wir den Hof aus dem Ort ausgesiedelt haben. Sie hat sich mit Willensstärke und Zielstrebigkeit um alles gekümmert, obwohl das eine Arbeitsbelastung war, die man niemandem wünscht. Sie ist froh, dass die Hofübergabe endlich abgehakt ist und ihr Lebenswerk weiter geht, weil sie die Verantwortung lang genug getragen hat.
Die Branche ist immernoch sehr männlich geprägt und Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in der Landwirtschaft ein ganz eigenes Thema.
Frauen sind in der Landwirtschaft ganz, ganz wichtig, egal ob es jetzt in der Betriebsführung ist oder diese Leistung im Stillen, die man nicht offensichtlich sieht. Wenn jemand ein großes Feld bewirtschaftet und heute säht, das sieht jeder. Aber alles, was im Hintergrund läuft, damit das Leben funktioniert, das leisten überwiegend Frauen. Familie am Hof, das ist vereinbar und es ist etwas ganz besonderes: Wer kann schon als normaler Arbeitnehmer jeden Tag in der Familie miteinander Mittag essen. Dieses gemeinsame Ritual, finde ich schön und dass man die Kinder immer vor Ort mit aufwachsen sieht, ja auch oft die Großeltern mit da hat im Familienbetrieb.
Welche Unterstützungssysteme brauchen Frauen, wenn sie Betriebsleiterinnen in der Landwirtschaft sind? Selbstständigkeit klappt. Das können wir. Aber Familienplanung ist extrem schwierig. Familiengründung ist für eine Frau ein anderes Thema wie für einen Mann. Der denkt da gar nicht dran, für ihn läuft alles normal weiter, weil ja die Frau die Kinder bekommt. Der Papa nimmt sich keine Elternzeit, sondern das macht die Frau alles nebenbei. Aber wenn ich Betriebsleiterin bin und Nachwuchs bekomme, dann sieht das anders aus. Wer ersetzt die ausfallende Arbeitskraft? Es gibt in der Landwirtschaft nicht mehr ausreichend Betriebshelfer: Es nützt nichts, einen Anspruch auf Betriebshilfe zu haben, wenn die Person, dann zwischen mehreren Betrieben aufgeteilt wird und nur drei Stunden am Tag vorbeikommt. Meine Eltern hatten Gütergemeinschaft und meiner Mutter haben 50% vom Hof gehört. Dennoch musste sie sich, wenn sie ausgefallen ist, rechtfertigen was sie leistet und abärgern, damit sie 28 oder 30h bekommt. Für den Vater wurde immer die 40 Stunden die Woche zugesagt, da hast du gar nicht fragen müssen. In dem Bereich müssen die Frauen endlich viel stärker gesehen werden.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren mit Ihrem Betrieb? Ich sehe mich tatsächlich in fünf Jahren immer noch auf einen Familienbetrieb, hoffentlich glücklich verheiratet und vielleicht auch schon mit Kindern. Ich könnte mir keinen Betrieb für
[Seite 4]
600 oder 700 Kühen und ganz vielen Angestellten vorstellen. Das ist für mich nicht mehr das Gefühl von Landwirtschaft. Für mich wären maximal 120 Milchkühe mit zwei Melkrobotern realistisch und mehr in die Direktvermarktung einzusteigen. Mir macht es Freude diesen Kreislauf der Wertschätzung ür die Lebensmittelproduktion zu beleben. Diese enge Tierbeziehung, das ist mein Steckenpferd. Die Investitionen und Umstellung auf automatisches Melken läuft gerade schon, auch schon für den zweiten Melkroboter. Auch die Planung, was man sonst alles braucht: Neue Gülle-, Strohlager, Flächen, das kalkulieren wir gerade schon. Es ist immer wichtig, dass man die Eltern auch nach der Hofübergabe mitnimmt und diese Phase gut meistert. Es sind zwar erst acht Wochen, aber ich finde, ich mache das gut. Man darf sich auch mal selbst loben und ich bin gerade zufrieden, wie es ist. Freilich muss ich am Jahresende davon leben können. Das ist auch heuer eine absolute Herausforderung. Wir haben extrem hohe Kosten. Wenn man Stroh noch mal zukaufen muss, frisst das das ganze Erntegeld. Es fehlt überall Getreide. Raps war 2026 eine totale Katastrophe, die Erzeugerpreise sind im Keller. Der Start könnte besser sein, aber daraus lernt man.
Was ist Landwirtschaft für Sie – in einem Satz?
Das wahre Leben ist einfach draußen, nicht hinter Bildschirmen.
Webseite des Hofes: https://www.genussvomwittumshof.de